„Die PrEP schützt mich vor HIV – auch ohne Kondom“. Was es mit der blauen vorbeugenden Pille auf sich hat!

Bereits zum zweiten Mal revolutioniert eine blaue Pille die Auslebung der Sexualität. Diesmal verschafft sie aber keine Erektion, sondern sie schützt. Und zwar vor HIV. Neben der Benutzung von Kondomen und dem Schutz durch Therapie ist dieses vorbeugende Präparat eine weitere Methode eine Ansteckung mit HIV zu verhindern. Ihre Wirksamkeit ist erwiesen, doch wer nimmt die sogenannte PrEP ein und warum?

Die PrEP – das chemische Kondom

PrEP steht kurz für Prä-Expositions-Prophylaxe.
Prä meint „vor“. Exposition drückt den „potenziellen Kontakt mit dem HI-Virus“ aus und Prophylaxe ist die „präventive Behandlung, um eine Infektion zu verhindern“.

Spricht man von einer PrEP, ist ein verschreibungspflichtiges Medikament gemeint, mit dem sich HIV-negative Menschen vor HIV schützen können. Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich geprüft. Die Einnahme erfolgt unter Fachkontrolle. Die PrEP besteht aus einer Tablette mit den Wirkstoffen Tenofovirdisoproxil und Emtricitabin, wie sie im Medikament Truvada® oder einem entsprechenden Generikum vorkommen. Truvada® wird unter anderem als Kombinationspräparat zum therapeutischen Einsatz bei HIV-positiven Menschen verwendet. Es ist also ein AIDS-Medikament. Nimmt man die PrEP richtig ein, schützt das Präparat genau so zuverlässig vor HIV wie ein Kondom. Gegen sexuell übertragbare Infektionen wie zum Beispiel Tripper (Gonorrhöe), Chlamydien, Syphilis oder Hepatitis ist eine PrEP hingegen unwirksam.

Obwohl die HIV-Prä-Expositionsprophylaxe in der Schweiz noch nicht zugelassen ist, wird sie von Ärztinnen und Ärzten als Off-Label-Use verschrieben. Dies geschieht im Sinne einer zulassungsüberschreitenden Anwendung.

So wirkt die HIV-Prophylaxe

Bei der PrEP gelangen die Wirkstoffe des HIV-Medikaments in die Zellen der Schleimhäute. Beim Sex ohne Kondom, bei dem die Schleimhäute beider Sexualpartner miteinander in Berührung kommen, dringen mögliche HI-Viren in diese Schleimhautzellen ein. Ihr Ziel: sich zu vermehren. Eine PrEP verhindert diese Vermehrung. Befinden sich genug Wirkstoffe im Blut und in den Schleimhäuten, kann keine HIV-Infektion entstehen. Wird die PrEP abgesetzt, verschwindet auch die Schutzwirkung.

Wie sinnvoll ist die HIV-Verhütung mit Medikamenten?

Mit der PrEP können sich jene vor HIV schützen, die beim Sex auf ein Kondom verzichten wollen und häufig wechselnde Partner haben. Die Gründe, weshalb Geschlechtsverkehr ohne Kondom praktiziert wird, sind unterschiedlich. Erektionsprobleme, das Gefühl von Intimität und Nähe aber auch Alkohol und Drogen spielen eine nicht unwesentliche Rolle. Bei letzterem ist ein Kondom in den seltensten Fällen das, woran man als erstes denkt. Der Grund für kondomlosen Sex ist schlussendlich aber eine persönliche, selbstbestimmte Entscheidung und soll nicht moralisch bewertet werden.

Mit PrEP: Sexuelle Vorlieben ja, Angst nein
Geht es um Sex mit Unbekannten, eröffnet sich ein weiteres Feld für die PrEP-Nutzung. Angst. Und zwar latent vorhandene Angst, sich beim Sex – trotz Kondom – mit HIV anzustecken. Der eine oder andere hat es eventuell schon erlebt: Ein Kondom wird unbemerkt abgezogen, platzt, oder wird beim Verkehr mit mehreren Sexualpartnern nicht gewechselt. Gerade bei anonymem Sex kann die Angst vor einer Ansteckung sehr gross sein. Hier stehen sexuelles Verlangen, blindes Vertrauen und die Hoffnung «da passiert schon nichts» oft dicht beieinander. Meist gefolgt von einem schlechten Gewissen und Scham, wurde das Kondom aus reiner Lust ignoriert.

Klar ist: nicht alle befürworten eine PrEP. Viele stehen ihr – wenn auch unberechtigt – skeptisch gegenüber oder lehnen sie strikt ab. Die Frage, weshalb nicht einfach ein Kondom benutzt wird, um sich vor HIV und anderen Infektionen zu schützen, ist durchaus legitim. Klar ist aber auch: Neben der HIV-Prophylaxe kann die PrEP bei vielen eine psychische und physische Entlastung sein um das Sexualleben unbeschwert und angstfrei zu gestalten.

Safer-Sex? Ja, wenn die PrEP richtig angewendet wird

Wer gesund ist, kann sich mit einer PrEP unter ärztlicher Beobachtung schützen. Mit „gesund“ ist gemeint: frei von sexuell übertragbaren Krankheiten, HIV-Status: negativ, normale Nierenwerte und keine Osteoporose. Alle drei Monate folgt eine medizinische Überprüfung. Diese engmaschige ärztliche Begleitung während der PrEP-Zeit ist nötig und gehört zur Prophylaxe dazu. Nur so können allfällige Nebenwirkungen, Geschlechtskrankheiten oder eine, in seltenen Fällen mögliche Ansteckung erkannt und behandelt werden. Genauso entscheidend ist die richtige PrEP-Anwendung. Denn auch sie bestimmt mit, ob der nachfolgende Sex „safe“ ist oder nicht. Das bedeutet: die Einnahme der Tabletten erfolgt regelmässig und im besten Falle ohne Unterbruch. Unregelmässigkeiten können das Risiko einer HIV-Infektion erhöhen. Zum Schutz mit PrEP gehört also weit mehr, als einfach eine blaue Pille zu schlucken.

Darum müssen PrEP-Anwender ärztlich begleitet werden

Wird die PrEP von einer unwissend HIV-positiven Person auf eigene Faust eingenommen, kann es bei einer HIV-negativen Person zu einer Infektion kommen. Die Wirkstoffe Tenofovirdisoproxil und Emtricitabin reichen alleine nicht aus, die Viruslast zu senken. Nur unter ärztlicher Aufsicht können solche Gefahren abgewendet werden.

Ein sicherer HIV-Schutz für jedermann?

Klar und wissenschaftlich belegt ist, wer die PrEP korrekt einnimmt, ist zuverlässig vor HIV geschützt. Laut einer Studie liegt die Wirksamkeit bei weit über 90 %. Auch wenn die PrEP ein wichtiger Bestandteil der modernen HIV-Prävention ist, sie darf kein auferlegter Zwang sein für solche, die sich anderweitig schützen wollen. Eine PrEP soll dort zum Zug kommen, wo das Kondom versagt. Nämlich bei jenen, die sich wiederholt oder gelegentlich einem erhöhten HIV-Risiko aussetzen. Dadurch, dass die PrEP flexibel eingesetzt werden kann – über einen längeren Zeitraum oder anlassbezogen – deckt sie verschiedene Risikogruppen ab.

Ohne Kondom aber mit (möglichen) Nebenwirkungen

Die PrEP wird grundsätzlich gut vertragen. Wie die meisten Medikamente gehört allerdings auch eine PrEP nicht zu den nebenwirkungsfreien Präparaten. Oftmals dauert es eine Zeit, bis sich der Körper an ein Medikament gewöhnt hat. Zu Beginn der Prophylaxe können daher Magen-Darm-Beschwerden sowie Gelenk- und Kopfschmerzen auftreten. Auch Hautausschläge und Schlafstörungen sind häufige Begleiterscheinungen. Gravierende gesundheitliche Probleme in Zusammenhang mit der PrEP treten in seltenen Fällen in Form von Nierenschäden oder einer abnehmenden Knochendichte auf. Diese sind jedoch nicht irreversibel. Schlechte Werte normalisieren sich mit Absetzen des Präparates wieder. Hält man sich als PrEP-Benutzer an die regelmässigen Labortests, sollten auftretende Nebenwirkungen kein Problem darstellen. Sie werden rasch erkannt und behandelt.

Und was ist mit Syphilis, Chlamydien und Co.?

Genauso wie beim Erkennen von unerwünschten Nebenwirkungen verhält es sich mit Geschlechtskrankheiten. Diese haben durch die wiederholten ärztlichen Kontrollen wenige Chancen sich zu verbreiten. Dass die PrEP-Einnahme zu einer Zunahme von sexuell übertragbaren Krankheiten führen könnte, ist zwar möglich, bleibt bisweilen aber Theorie. Denn die engmaschige Beobachtung bei PrEP-Anwender und die damit in Zusammenhang stehende, frühzeitige Erkennung und Behandlung allfälliger Geschlechtskrankheiten, zieht eher eine fallende Rate mit sich, als eine steigende.

Über lang oder kurz – eine PrEP schützt

Derzeit existieren zwei Anwendungsbereiche: die Dauer-PrEP und die On-Demand-PrEP. Während die Dauer-PrEP für einen längerfristigen oder je nach Lebensstil auch lebenslangen Einsatz gedacht ist, findet die On-Demand-PrEP vor allem für eine kurzfristig geplante Einnahme Verwendung. Dies kann ein Wochenendausflug sein, bei dem es zu Sex kommt. Es gibt aktuell zwar nur limitierte Erhebungen in Bezug auf die Wirksamkeit der On-Demand-PrEP. Die zur Verfügung stehende Datenlage sieht aber gut aus. Dennoch: für sehr spontane sofort Treffen (< 2 Stunden) ist auch die On-Demand-PrEP nicht zu empfehlen, sondern das Kondom als Schutz vorzuziehen.

Der Griff ins Portemonnaie

Die Grundversicherung der Krankenkasse deckt die Arztkosten sowie sämtliche Untersuchungen. Das Medikament muss aus eigener Tasche bezahlt werden. Aktuell besteht die Möglichkeit auf legalem Weg an günstige Generika zu gelangen und die Tabletten über eine Schweizer Apotheke aus dem Ausland zu beziehen (CHF 75 / 30 Tabletten). Das Medikament ist rezeptpflichtig.

Off-Label-Verschreibung – was heisst das?

Die korrekte PrEP-Einnahme und die regelmässigen Kontrolltermine sind wesentliche Bestandteile im Umgang mit dem Medikament. Wie eingangs bereits erwähnt: die PrEP wird aktuell als Off-Label-Use verschrieben. Das bedeutet, dass das Präparat zwar zugelassen ist, jedoch für einen anderen Anwendungsbereich. Patienten müssen vom behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin ausführlich über die Einnahme und mögliche Risiken aufgeklärt werden.

Fazit

Wer ein besonders ausgeprägtes HIV-Risikoverhalten zeigt und Schwierigkeiten hat, mit der Verwendung von Kondomen, kann auf die PrEP zurückgreifen um eine Ansteckung mit dem HI-Virus zu vermeiden. Die PrEP ermöglicht den Zugang zu einer unbeschwerten und angstfreieren Sexualität. Ob mit einer sehr sicheren Dauer-PrEP oder mit einer spontaneren, aber dafür weniger sicheren On-Demand-PrEP. Korrekt und unter ärztlicher Beobachtung eingenommen, schützt das Medikament. Letztendlich geht es nicht darum, wie sondern dass verhütet wird. Ein verantwortungsbewusstes Verhalten im Umgang mit der eigenen Sexualität und Gesundheit ist deshalb der beste Schutz.

PrEP-Bezug im Zürcher Oberland

Die Praxis am Bahnhof in Rüti bietet eine PrEP-Sprechstunde an. Ali Sigaroudi, diplomierter Arzt und Facharzt für Klinische Pharmakologie, ist für die PrEP-Abgabe verantwortlich. Er ist 24 Stunden am Tag erreichbar für jene, die eine PrEP in Anspruch nehmen. Dr. Sigaroudi legt grossen Wert darauf den PrEP-Anwendern die Gewissheit zu geben, dass egal zu welcher Zeit das Medikament eingenommen wird, eine Fachperson da ist. Gerade wenn unerwartete Wirkungen eintreten oder sich Unklarheiten in Zusammenhang mit der Einnahme ergeben.

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