
TCM wird oft auf Akupunktur reduziert und bei Ayurveda denken wohl die meisten an eine Wellnessauszeit. Im Interview erklärt Ursula Wihler, Therapeutin für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Ayurveda-Medizin, worum es dabei tatsächlich geht, was eine erste Sitzung bei ihr an den Tag bringt und wie sie einschätzt, welche Therapieform zu welchen Beschwerden passt.
Wenn Sie Ihre Arbeit in einem Satz beschreiben müssten aber ohne die Wörter «ganzheitlich» und «Balance»: Was würden Sie sagen?
Ich begleite Menschen therapeutisch so, dass Wohlbefinden und Stabilität wieder spürbar werden. Ich arbeite dabei mit Methoden, die zur Person passen und im Alltag umsetzbar sind. Je nach Situation gehören dazu Akupunktur, Kräuter, Ernährungsempfehlungen und einfache Selbsthilfetools.
Was ist eine typische Situation, in der Patientinnen und Patienten zu Ihnen kommen und was überrascht sie oft am meisten an der ersten Sitzung?
Viele kommen, weil sie eine Alternative suchen oder weil sie schulmedizinisch bereits einiges versucht haben und zusätzliche Unterstützung möchten. Oft geht es dabei um ganz konkrete Beschwerden, zum Beispiel Schmerzen und Verspannungen am Bewegungsapparat wie Rücken oder Nacken, wiederkehrende Kopfweh-Themen oder Beschwerden rund um Verdauung, Stress und Schlaf. Häufig sind es aber auch frauenspezifische Anliegen, etwa PMS, Zyklusbeschwerden oder Themen rund um die Wechseljahre. Und manchmal steht weniger ein einzelnes Symptom im Vordergrund, sondern der Wunsch, in einer intensiven Lebensphase wieder mehr Stabilität und Regeneration zu finden.
Patientinnen und Patienten sind in der Regel überrascht, wie viel man bereits am Anfang einordnen kann. Es geht nicht nur um eine Behandlung, sondern ganz gezielt ums Verständnis, was hinter den Beschwerden steckt. Danach folgen nach und nach die nächsten Schritte, die zur Person und den Beschwerden passen und im Alltag umsetzbar sind.
Gibt es ein Missverständnis über TCM oder Ayurveda, das Ihnen fast täglich begegnet?
Ja. TCM wird oft auf Nadeln reduziert oder auf Kräuter. Und Ayurveda wird schnell als Wellness abgestempelt. Das entspricht nicht ganz der Realität. Beides sind Medizinsysteme mit klarer Struktur, Diagnostik und einem individuellen Vorgehen.
Wenn Sie einen Menschen zum ersten Mal sehen: Wonach «suchen» Sie?
Nach dem Muster. Mich interessieren nicht nur Symptome oder Befinden, sondern wie jemand lebt und was das System jeden Tag mittragen muss. Hierzu gehören nebst Essen und Trinken auch Schlaf, Bewegung, Arbeitsbelastung oder Erholung und innere Anspannung. Oft wird erst dort sichtbar, warum Beschwerden immer wieder auftauchen oder weshalb sie sich hartnäckig halten. Und deshalb sind genau diese Muster für die nächsten Behandlungsschritte entscheidender als einzelne Details zu den Symptomen.
Was ist für Sie der Unterschied zwischen «Symptome behandeln» und «Gesundheit fördern»?
Symptome behandeln kann kurzfristig entlasten. Gesundheit fördern bedeutet für mich, die Ursachen und die Rahmenbedingungen zu verstehen und so zu regulieren, dass sich Patienten langfristig stabil fühlen.
Welche Frage stellen Sie fast immer, weil sie oft mehr sagt als Vorbefunde oder Messwerte?
Beim ersten Termin ist meine erste, ziemlich banale Frage in den meisten Fällen: „Was führt Sie zu mir?“ Ich möchte verstehen, was meine Patienten im Alltag am meisten einschränkt. In späteren Folgekonsultationen frage ich meistens, was sich seit der ersten Behandlung verändert hat. Diese Veränderung (ob positiv oder negativ) zeigt sich oft in ganz konkreten Dingen wie Schlaf, Energie, Verdauung oder darin, wie stark Stress und Anspannung den Körper noch beeinflussen. Manchmal spüren Patienten den Fortschritt auch ganz direkt am Hauptthema, etwa durch weniger Schmerz, reduzierte Beschwerden über den Zyklus oder eine deutlich abgeschwächte Reaktion in der Allergiesaison.
Viele verbinden TCM mit Akupunktur. Was wird an TCM unterschätzt und warum?
Traditionelle Chinesische Medizin ist viel breiter. Akupunktur ist ein grosser Teil, aber je nach Situation gehören auch Ernährung, Kräuter, Bewegung, Schröpfen, Gua Sha oder Qi Gong dazu. Unterschätzt wird, dass man damit nicht nur «einen Punkt» behandelt, sondern am Gesamtbild arbeitet, zum Beispiel bei wiederkehrenden Schmerzen und Verspannungen, bei Kopfweh-Themen, zur Unterstützung des Immunsystems oder auch bei saisonalen Beschwerden wie Heuschnupfen. Je nach Situation können auch frauenspezifische Anliegen wie Zyklusbeschwerden oder Wechseljahre ein Thema sein. Die Auswahl ist individuell, weil nicht jede Person das Gleiche braucht. Je nach Konstitution und Beschwerdebild entscheide ich, ob wir eher beruhigen und stabilisieren oder eher lösen und in Bewegung bringen. Danach wähle ich die passende Therapieform.
Sie arbeiten mit verschiedenen TCM-Verfahren. Nach welcher Logik kombinieren Sie und wann ist «weniger» mehr?
Ich kombiniere so, dass es zur Konstitution der Patientin oder des Patienten passt. «Weniger» ist zum Beispiel dann mehr, wenn jemand sehr erschöpft ist. Dann setze ich lieber stabilisierend an, statt zu viele Reize zu geben. Das kann heissen, dass ich bei der Akupunktur weniger Punkte auswähle und ruhiger arbeite, damit der Körper erst einmal zur Ruhe kommt. Kräftigere Techniken wie intensives Schröpfen oder Gua Sha setze ich in solchen Phasen eher zurückhaltend ein, weil sie für ein erschöpftes System schnell zu viel sein können.
Welche Beschwerden sprechen gut auf eine TCM-Behandlung an und welche brauchen eher Geduld?
Je chronischer ein Thema ist, desto mehr Geduld braucht es. Bei akuten oder klar umschriebenen Schmerz- und Spannungsthemen erleben die meisten Patienten oft schneller eine Veränderung. Bei Heuschnupfen kann es sogar sinnvoll sein, rechtzeitig vor der Saison zu starten, damit der Körper gut vorbereitet ist.
Gibt es ein «TCM-Aha», das Ihre Patienten erleben, weil es unmittelbar spürbar ist?
Es gibt Methoden, bei denen sofort etwas spürbar sein kann. Das ist je nach Beschwerdebild zum Beispiel bei Akupunktur der Fall, aber auch bei Körpertechniken wie Schröpfen oder Gua Sha. Gerade bei Verspannungen zeigt sich manchmal direkt mehr Wärme oder das Gefühl, dass sich etwas im Gewebe löst. Solche Reaktionen sind für manche ein Aha-Erlebnis.
Wenn Sie Ayurveda-Medizin in einem Satz erklären, was sagen Sie?
Ayurveda ist eine altindische Heilkunst, typgerecht ausgerichtet unter Einbezug von Körper, Geist und Seele.
Was ist für Sie der Unterschied zwischen Ayurveda-Medizin und Ayurveda als Wellness? Woran erkennt man bei Ihnen den medizinischen Ansatz?
Wellness ist oft eine einzelne Entspannungsbehandlung ohne grosse Abklärung. Ayurveda-Medizin ist anamnesebasiert, typgerecht und zielorientiert. Man erkennt es daran, dass zuerst verstanden wird, was das System belastet und dass daraus ein klarer Behandlungsplan entsteht.
Wann ist Ayurveda der beste Weg, wann ist TCM passender und wann macht eine Kombination Sinn?
Das hängt von der Person und der Situation ab, und genau darum ist die Abklärung am Anfang so wichtig. In der Anamnese wird klar, welche Beschwerden im Vordergrund stehen, wie die Konstitution ist und wie stark das System im Moment belastet ist.
Wenn jemand vor allem Regeneration braucht und sich aus dem Gleichgewicht fühlt, passt Ayurveda-Medizin oft sehr gut. Dann geht es zuerst darum, das System zu beruhigen und wieder Stabilität aufzubauen. Das kann über Tagesrhythmus und passende Ernährung gelingen, ergänzt durch einfache Atem- oder Entspannungsübungen. Wenn es sinnvoll ist, kommen Massagen oder ausgewählte Pflanzenpräparate dazu.
Wenn Beschwerden körperlich sind und sich gezielt beeinflussen lassen, zum Beispiel bei akuten oder wiederkehrenden Schmerzen oder bei Beschwerden rund um den Zyklus, entscheide ich mich für TCM. Je nach Gesamtbild wähle ich dann die passende Methode, etwa Akupunktur, Körpertechniken wie Schröpfen oder Gua Sha oder auch eine Kräuterbehandlung.
Eine Kombination ist dann sinnvoll, wenn es gleichzeitig um ein konkretes Beschwerdethema und um die Frage geht, wie gut der Körper im Moment regenerieren kann. TCM setzt in diesem Fall direkt am Beschwerdebild an, zum Beispiel mit Akupunktur oder einer Körpertechnik. Ayurveda-Medizin sorgt mit einfachen Atem- oder Entspannungsübungen dafür, dass der Körper besser zur Ruhe kommt und wieder mehr Reserven aufbauen kann.
Sie kennen traditionelle Medizinsysteme und auch schulmedizinische Grundlagen. Wie hilft Ihnen dieses Doppeldenken im Praxisalltag?
Es gibt mehr Möglichkeiten, ein Thema zu verstehen und zu begleiten. Und ich kann besser einschätzen, wann Komplementärmedizin sinnvoll ergänzt und wann zuerst eine andere Abklärung wichtig ist.
Gibt es Fälle, in denen Sie klar sagen: «Da braucht es zuerst eine schulmedizinische Abklärung»?
Ja, bei Warnzeichen. Ich spreche das auch offen an und erkläre, dass wir für eine sichere Basis zuerst medizinische Abklärungen vornehmen sollten. Warnzeichen sind für mich vor allem Beschwerden, die neu, plötzlich oder ungewöhnlich stark auftreten oder deutlich anders sind als bisher. Dazu gehören zum Beispiel plötzlich auftretende Taubheit oder Kribbeln, ungewohnte Schwäche, rasch zunehmende Schmerzen oder Symptome, die nicht ins bisherige Bild passen. Es geht nicht darum, etwas zu dramatisieren, sondern darum, nichts zu übersehen. Nach der Abklärung kann ich komplementär sehr gut begleiten, je nach Situation stabilisierend, regenerierend und unterstützend.
Nehmen Sie uns mit: Wie läuft eine erste Konsultation ab? Was passiert in den ersten 10 Minuten und was ist Ihnen besonders wichtig?
Ich schaue zu Beginn möglichst unbeeinflusst Zunge und Puls an. Danach lasse ich das Hauptanliegen in Ruhe beschreiben und kläre die wichtigsten Eckpunkte. Dazu gehört, seit wann die Beschwerden bestehen, ob sie plötzlich oder schleichend begonnen haben, wo genau sie auftreten und wie sie sich anfühlen. Ich frage auch nach Faktoren, die den Verlauf beeinflussen, etwa Tageszeit, Schlaf, Stress, Bewegung, Wärme oder Kälte, Essen und Erholung. Am Schluss der Erstabklärung legen wir fest, womit wir starten, was im Alltag realistisch ist und woran wir bis zum nächsten Termin merken, dass sich etwas verändert.
Was zeigt Ihnen die Zungen- und Pulsdiagnose?
Zunge und Puls geben mir in der TCM Hinweise darauf, wie der Körper im Moment arbeitet und wo das System aus dem Gleichgewicht geraten ist. Bei der Zunge achte ich zum Beispiel auf Farbe, Belag und Feuchtigkeit. Daraus kann sich zeigen, ob der Körper eher in Richtung innerer Wärme oder Kälte tendiert und ob die Verdauung aus TCM-Sicht eher träge oder belastet wirkt. Auch Trockenheit oder Feuchtigkeit lassen sich oft gut einordnen. Eine eher trockene Zunge passt nicht selten zu trockenen Schleimhäuten, Verstopfung oder trockenem Reizhusten. Eine eher feuchte Zunge mit deutlicherem Belag passt eher zu einem Gefühl von Schwere, Völlegefühl, weicherem Stuhl oder Neigung zu Schleim. Diese Hinweise helfen mir, die Behandlung gezielt auszurichten.
Beim Puls geht es nicht nur um schnell oder langsam. Ich beurteile auch Tiefe, Kraft und Qualität. Daraus ergeben sich Hinweise, ob der Körper eher in einer Fülle oder in einer Schwäche ist und ob eher Beruhigung und Stabilisierung oder eher Entlastung und «in Bewegung bringen» sinnvoll sind.
Wichtig ist, die Beurteilung von Zunge und Puls sind kein einzelner Test, der für sich allein eine Diagnose stellt. Ich setze diese Eindrücke immer zusammen mit dem Gespräch und den Beschwerden, damit am Ende ein stimmiges Gesamtbild entsteht.
Wie messen Sie den Fortschritt Ihrer Behandlung?
An Dingen, die im Alltag zählen: Energie, Schlaf, Wohlbefinden und natürlich daran, ob Beschwerden weniger werden. Ein Wendepunkt ist oft dann spürbar, wenn sich das System stabilisiert. Das heisst, Menschen schlafen besser, fühlen sich weniger getrieben, reagieren gelassener oder haben wieder mehr Kraft. Oft sollte innerhalb der ersten paar Sitzungen etwas spürbar werden, idealerweise innerhalb den ersten drei bis sechs Terminen.
Wenn Sie eine Gewohnheit empfehlen dürften, die viele im Alltag wirklich umsetzen können für mehr Wohlbefinden, welche wäre das und wofür?
Warm essen und trinken. Das unterstützt aus meiner Sicht die Verdauungskraft und stabilisiert viele Menschen spürbar. Gerade, wenn sie sich oft erschöpft fühlen oder schnell auskühlen.
Wo sind die Grenzen von TCM und Ayurveda-Medizin und woran erkennen Sie, dass man in eine falsche Richtung geht?
Eine Grenze ist erreicht, wenn sich trotz Begleitung keine Veränderung zeigt oder wenn sich Beschwerden unter der Behandlung ungünstig entwickeln. Dann muss ich das Ganze neu beurteilen, mein Vorgehen nach Möglichkeit anpassen und bei Bedarf auch weiterverweisen. In der Praxis am Bahnhof ist das ein Vorteil, weil verschiedene Fachrichtungen unter einem Dach sind und man so rasch die passende Stelle einbeziehen kann.
Wie gehen Sie damit um, wenn jemand schon mit vielen Ideen und möglichen Diagnosen kommt?
Das kommt häufig vor. Menschen belesen sich online, machen Symptom-Checklisten oder kurze Fragebogen-Tests und kommen dann mit Vermutungen oder mit einer langen Liste an möglichen Erklärungen für ihre Beschwerden. Ich nehme das ernst, weil es zeigt, dass sich jemand mit dem Thema auseinandersetzt. Heute ist es ausserdem nicht mehr nur «Dr. Google». Viele kommen auch mit Einschätzungen aus KI-Tools. Das kann hilfreich sein, weil man Begriffe besser versteht und schneller eine Orientierung bekommt. Gleichzeitig ersetzen solche Quellen keine medizinische Abklärung und keine persönliche Beurteilung. Ich helfe dann, die Informationen einzuordnen und auf das Wesentliche zu reduzieren. Ich erkläre transparent, was zum Gesamtbild passt und welche nächsten Schritte sinnvoll sind. Ziel ist, dass am Ende Klarheit entsteht und nicht zusätzliche Verunsicherung. Online-Informationen und KI-Tools können einen Anstoss geben, aber die richtige Einordnung entsteht erst im persönlichen Gespräch und mit einer sauberen Anamnese.
Was schätzen Sie an der Arbeit in der Praxis am Bahnhof besonders, im Vergleich zu einer Einzelpraxis?
Wie bereits erwähnt, ist es ein Vorteil, dass verschiedene Fachrichtungen und Angebote vorhanden sind. Wenn mir während der Behandlung meiner Patienten auffällt, dass zusätzlich eine medizinische Abklärung sinnvoll wäre, kann ich unkompliziert den Kontakt zur passenden Ärztin oder zum passenden Arzt herstellen. Das schafft Vertrauen, spart oft Zeit und gibt Patientinnen und Patienten das Gefühl, sehr gut betreut zu sein.
Was würden Sie jemandem sagen, der sich noch nie komplementärmedizinisch behandeln lassen hat?
Dass ein zusätzlicher Blickwinkel neue Möglichkeiten eröffnen kann. Manchmal braucht es einen anderen Ansatz, damit sich etwas bewegt und manchmal auch einfach das Gefühl, dass wirklich genau hingeschaut wird.
Wenn Sie einen Wunsch formulieren dürften: Was sollen Menschen nach einer TCM- oder ayurvedischen Begleitung über sich und ihre Gesundheit mitnehmen?
Dass sie sagen können: „Ich tue etwas für meinen Körper, damit ich mich wohlfühle.“ TCM und Ayurveda können dafür eine Alternative oder eine Ergänzung sein, als Unterstützung für Körper, Geist und Seele, damit man gesund und zufrieden leben kann.
Was möchten Sie, dass Leserinnen und Leser nach diesem Interview über TCM und Ayurveda verstanden haben, auch wenn sie nicht an den beiden Methoden interessiert sind?
Dass es strukturierte Medizinsysteme sind, die individuell begleiten können und dass es oft um nachhaltige Veränderung geht, nicht nur um kurzfristige Symptomlinderung.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass eine Begleitung mit TCM oder Ayurveda-Medizin für Sie passend sein könnte, vereinbaren Sie einen Termin bei Ursula Wihler. Hier geht es zur Terminbuchung!
