Wenn der Arzt keine Zeit hat

Es ist eine Beschwerde, die man in der ganzen Bevölkerung immer wieder hört: „Ich hab das Gefühl, mein Arzt hat gar keine Zeit – man wird nur abgefertigt.“ Wir möchten hier die Hintergründe der ärztlichen Praxis etwas beleuchten.

Vier Patienten pro Stunde

Per 01.01.2018 hat der Bundesrat eine Änderung des Tarifs beschlossen, die dem Arzt nur eine Viertelstunde pro Patienten gewährt. Diese Zeit gilt unabhängig davon, was die Beschwerden oder Leiden des Patienten sind oder wie es um seine seelische und psychische Verfassung bestellt ist. Es gibt wenige Ausnahmen, beispielsweise für kleine Kinder oder ältere Patienten darf mehr Zeit aufgewendet werden.

Wir berichteten darüber im Beitrag Gesetzesänderung – zeitlich limitierter Arztbesuch.

Wie die Krankenkassen arbeiten

Jede Krankenkasse führt über jeden Arzt eine Statistik. Sie nimmt die Menge an Patienten und schaut: Wie viel Zeit braucht der Arzt durchschnittlich pro Patient? Was sind die durchschnittlichen Kosten? Wie lange dauert eine Durchschnittskonsultation? Übersteigen diese Kosten ein gewisses Limit, wird der Arzt gerügt und muss im schlimmsten Fall sogar eine Rückzahlung leisten.

Vorteil Gruppenpraxis

Führt der Arzt seine Praxis allein, kann es schwierig werden die Kosten auf einem «kassentauglichen Niveau» zu halten. In einer Gruppenpraxis wie der unseren arbeiten viele verschiedene Ärzte mit sehr vielen unterschiedliche Patienten. Das bedeutet, es gibt Ärzte, die rascher von der Anamnese zur Diagnose kommen, weil sie vielleicht mehr Erfahrung haben, andere lassen sich dabei mehr Zeit. Patientenseitig betreuen wir von jung bis alt, von fit bis schwer krank alle Menschen quer durch die Bevölkerung. Auch das Zeitbedürfnis pro Sprechstunde ist von Patient zu Patient verschieden.

Es gibt Patienten mit einfachen Diagnosen und Behandlungen, die schnellstmöglich die Praxis wieder verlassen möchten. Es gibt aber auch sehr viele Menschen, die schwierigere Diagnosen und Behandlungen mitbringen und/oder mehr Fragen und Diskussionsbedarf haben.

So können wir die durchschnittliche Zeit pro Patienten besser auf einem von den Kassen verlangten Niveau halten.

Was für die Zeit gilt, gilt auch für die Behandlungskosten: Wir können Behandlungen individuell auf Patienten anpassen. In manchen Fällen reicht eine weniger teure Behandlung. In anderen Fällen ist eine kostspieligere Therapie notwendig. Diese können wir anbieten – ohne Sanktionen seitens der Krankenkasse.

Beispiel Lungenentzündung

Ein Patient mit einer schweren Lungenentzündung, aber ansonsten gutem Gesundheitszustand betritt unsere Praxis. Es reicht, wenn wir ihm jeden Tag eine Antibiotika-Infusion in der Praxis geben, er aber den Rest des Tages zu Hause im Bett verbringt. Diese Infusionen sind teuer. Wir können uns diese Behandlung «leisten» in Bezug auf Durchschnittskosten und müssen den Mann nicht ans Spital überweisen.

Reden immer wieder Reden

Was nützen all diese Erklärungen nun dem Patienten, der sich nicht ernst genommen fühlt? Vielleicht wecken sie etwas Verständnis, nützen aber eigentlich nichts. Wie so oft im Leben ist Kommunikation die Lösung. Lesen Sie dazu auch den Beitrag Reden Sie mit Ihrem Arzt – und zwar viel.

Niemand ergreift den Arztberuf, um im Sprechzimmer so rasch als möglich eine technische Diagnose zu stellen und den Menschen dahinter schnell wieder loszuwerden. Arzt wird man zu 99% aus Berufung und aus dem Wunsch heraus Menschen zu helfen. Von aussen kommt der vorher beschriebene Druck. Dieses Spannungsfeld gilt es jeden Tag auszubalancieren.

Natürlich versuchen unsere und alle anderen Ärzte so effizient wie möglich zu arbeiten. Nichtsdestotrotz möchten wir unseren Patienten immer die bestmögliche Behandlung bieten. Wir sehen nicht in die Person hinein. Reicht die Zeit, die ich mir genommen habe? Möchte der Patient noch etwas zusätzlich wissen? Das könne wir erst wissen, wenn Sie mit uns reden! Sagen Sie uns, sie wünschen sich mehr Zeit im Sprechzimmer! Gehen Sie jederzeit auf unsere Praxisassistentinnen oder Ärzte/Ärztinnen zu! Wir finden eine Lösung, denn wir haben den Spielraum – Gruppenpraxis sei Dank!